Casa Udel

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Lebenslinie

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Vor einiger Zeit bekam ich von meiner Therapeutin eine Hausaufgabe. Ich solle eine Lebenslinie aufstellen. Auf einem Blatt eine Linie ziehen für meine bisherigen Jahre  und oberhalb die Ereignisse aufschreiben, die mich positiv beeinflusst haben, die gut waren, die auch heute noch ein wenig – oder mehr – nachwirken. Und unterhalb der Linie solche Geschehnisse, die negativ waren, die mich verletzt haben und so ebenfalls Einfluss auf meine Persönlichkeit hatten. Ich habe das mit großem Enthusiasmus gemacht und war selbst erstaunt von dem Ergebnis. Ich denke, das ist – auch außerhalb einer Therapie – eine ganz wundervolle Sache, sich damit zu beschäftigen, was Dich zu dem gemacht hat, was Du heute bist.

Zunächst war ich total aufgeregt. So ganz wusste ich nicht, wie ich anfangen sollte. Ich erinnere mich an recht wenig und je weiter es zurück geht, desto lückenhafter und vor allem standbildhafter ist es. Grade zu meiner Kindheit habe ich vor allem Fotos im Kopf, Motive aus unseren Super8-Filmen oder Erzählungen der Familie. Und auch meine Schulzeit ist mir kaum oder nur in eher unangenehmen Gefühlen hängen geblieben.

Wie bei allem, Anfangen ist das Beste. Also habe ich erstmal überlegt, wieviele Seiten ich wohl brauche. Dass es grünes Papier sein sollte, war gar keine Frage und so dachte ich, dass ich mit zwei Blatt bis zum Abitur und danach pro 5 Jahre eine Seite wohl auskommen müsste. Klingt immer noch total wenig, oder? Was ich von Anfang an wusste war, dass ich sicherlich nicht nur Daten und Text in diese Lifeline packen wollte. Fotos sind ein wichtiger Teil meines Lebens und auch kleine Zeichnungen – auch wenn ich ja her nicht malen kann. Damit war aber auch klar, dass ich einfach … Platz … brauche.

Nun lagen da acht grüne Blätter aneinander geklebt. Als nächstes meine Linie. So wirklich Dramatisches, echt Schlimmes ist mir ja nie passiert. Und auch, wenn ich zurück schaue, sehe ich mehr schöne Erinnerungen als negative. Ich kenne Menschen, deren Kindheit, Jugend voll mit Zurückweisung, Gewalt, Gefühlskälte und anderen massiven Eindrücken ist. Meine war … irgendwie normal. Geliebt. Umsorgt. Es gab Regeln und Ärger, beim Übertreten dieser. Doch das ist in Anbetracht der Generation meiner Eltern – in meinen Augen – völlig normal. Entscheidend ist doch, dass ich mich immer geliebt gefühlt habe. Dass ich immer sicher wusste, ich werde aufgefangen und beschützt, wenn ich es nicht selber kann. Und gleichzeitig wurde ich dazu erzogen, es immer erstmal selbst zu versuchen.

Also zeichnete ich die Linie für mein Leben im unteren Drittel des Blattes, sicher davon ausgehend, dass ich viel mehr positive Einträge machen würde als negative. Und dann ging es los. Die ersten Jahre sind noch recht lückenhaft. Doch je intensiver ich mich damit beschäftigte, desto mehr fiel mir wirklich ein. Mein Glück ist, dass ich Fotoalben haben aus der Zeit und in einer Kiste mit Memorabilien auch noch Kalender die bis 1987 zurück datieren. So konnte ich auch mal das ein oder andere nachschlagen, um es zeitlich besser einordnen zu können. Doch das war kaum notwendig. Und ist nur meiner Sorgfalt geschuldet. Entscheidend sind die Ereignisse.

Es war super spannend, wie die Erinnerungen zurück kamen. Vor allem die schönen. Und wie ich sie in einen größeren Kontext setzen konnte. Zusammenhänge fand. Und mich – in Gedanken – bei einigen Menschen entschuldigt habe, weil ich immer erzählt habe, dass ich mich in der Schule so als Außenseiter gefühlt habe. Das habe ich schon. Doch es gab immer welche, denen es genau so ging, ich war nie wirklich alleine. Und so wurde diese Lebenslinie immer bunter und voller und chaotischer. Entwickelte sich mein bisheriges Leben vor meinen Augen, durch meine Hände.

In der Tat stand am Ende recht wenig unterhalb der Linie. Und es häuft sich auch erst in den letzten Jahren des Bildes – der Grund, warum ich überhaupt diese „Hausaufgabe“ bekommen habe. Ich habe mich über den Kommentar meiner Therapeutin sehr gefreut, die meinte, dass sie es bisher noch nicht gesehen hätte, dass sich jemand soviel Mühe damit gegeben hätte. Aber es war keine Mühe. Es war Notwendigkeit. Und sehr viel Spaß.

Mich würde interessieren, wie Ihr so etwas gestalten würdet. Von einigen meiner Freunde habe ich schon Antworten dazu bekommen, als das Werk im Entstehen begriffen war. Sie hätten es meist eher sachlich, nüchtern, excel-basiert gemacht; keine Bilder, sondern eher Strichlisten, Text und Zahlen. Spannend fand ich die Aussage: „Meine sähe sicher aus wie ein Mathebuch“ … das möchte ich immer noch gerne sehen oder eine andere, dass es am Ende „ein Comicstrip“ geworden sei. Was sagt Eure Lebenslinie? Vielleicht habt Ihr es schon mal gemacht. Wo ist Eure Linie positioniert? Mitten auf dem Blatt? Weiter unten oder oben? Ist es bunt? Oder schwarz-weiß? Erzählt es mir.

Love and Hope sendet … Euer Huhn

Lifeline

Autor: Frau hUhn

Ein Pilger bin ich. Chaos begleitet meine Wanderung.

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