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Multipassionate, vielbegabt, rausgeredet?

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Heute Morgen habe ich das erste Mal von sog. Scanner-Persönlichkeiten gehört. Auf meine Nachfrage, was ich mir darunter vorstellen soll, bekam ich einen Link zu diesem wundervollen Ted-Talk von Emilie Wapnick. Mit dem Rüstzeug habe ich ein wenig gegoogelt und eine Flut an Informationen über etwas bekommen, das sich multipassionate nennt oder vielbegabt, multipotentialite oder Scanner. Die Beschreibungen klangen nach dem, was ich schon immer als „bekennender Generalist“ bezeichnet habe, wenn ich mich mit zwei Worten vorstellen sollte. Sie hinterließen aber auch einen seltsamen Geschmack nach Ausflucht, Aufschub und Alibi zurück, dem ich hier mal auf den Grund gehen möchte. 

Trotz der Vielzahl an Seiten zur Vielbegabung, habe ich – in der Kürze der Zeit – nicht eine gefunden, die ich für ausreichend objektiv und ohne wirtschaftliches Interesse halte. Viele sind aus den USA und das Thema scheint hier erst noch in den Anfängen zu stecken, zumindest was die Präsenz in den Medien angeht. Ich versuche ein Erklärung, indem ich meine Welt ein wenig schildere – wenn schon subjektiv, dann richtig. Wenn Ihr das dann mal mit Internetfunden vergleicht, werdet ihr feststellen, warum ich mich dafür entschieden habe.

Was ich schon immer gehasst habe, ist die Frage nach meinen Hobbies. Nicht, weil ich keine habe, sondern weil ich mich immer nicht entscheiden kann, was ich sagen soll, weil ich eine Vielzahl an Interessen habe, denen ich mit mehr oder weniger viel Enthusiasmus nachging (und nachgehe). Und weil sich die Interessengebiete schon oft gewandelt haben. Stets versuche ich bei der Frage dann, etwas auszusuchen, was immer wieder kehrt… Lesen ist so etwas und Fotografieren. Dazwischen gibt es Dinge wie Holzmöbel bauen, Seife kochen, Krimidinner veranstalten, diverse Sportarten (die eher nicht bei Olympia zu finden sind), Kräuter sammeln, Nähen u.v.m. die mich phasenweise beschäftigt haben.

Mein beruflicher Lebenslauf enthält drei Berufe und zeichnete sich eine Weile durch einen typischen Zweijahresrhythmus aus, der nur durch die Notwendigkeit endete, dass ich als Alleinverdiener das Wohneigentum abzahlen musste. Mein Bekanntenkreis ist genau so bunt und vielfältig wie meine Interessen und wandelt sich teilweise auch mit ihnen. Neben so wundervollen Eigenschaften wie unbändige Neugier, sehr rascher Auffassungsgabe und hoher geistiger Flexibilität gehören zu mir auch die weniger schönen der raschen Ablenkbarkeit, der Ablehnung von Routinen und einem leider manchmal echt eklatantem Mangel an Durchhaltevermögen.

Und dann lese ich heute über diese Scanner-Persönlichkeit und dass alles ja total super ist, weil wir diese Menschen – genau wie Hochbegabte und Hochsensible – in unserer Gesellschaft brauchen und dass die … dass wir… alles viel bunter machen, wir mit kreativen Problemlösungen und Inspiration die Welt vorantreiben. Was war also mein erster Gedanke? Eine tiefe Erleichterung, dass ich nicht alleine bin? Naja, das wusste ich schon, ich umgebe mich ja mit genug von diesen Verrückten, die ebenfalls so sind. Nein, ich dachte zuerst, dass ich jetzt endlich eine super Schublade für mich gefunden habe, dass ich ja gar nichts dafür kann, dass ich ständig meine Richtung wechsel, dass ich ja nur ein armes Opfer meiner Triebe bin und deswegen die Sache mit der Selbstdisziplin, der Fokussierung und dem Durchhalten gar nicht schaffen KANN.

Also habe ich weiter gesucht, weiter gelesen. Was sich halt so in ein paar Stunden bewältigen lässt. Aber ich musste das jetzt auch loswerden, niederschreiben, mitteilen. Anstatt weiter zu suchen. (Was ich trotzdem tun werde, so ganz fertig bin ich mit dem Thema noch nicht). Ich sehe eine Gefahr in dieser Schublade. Und das, obwohl ich Schubladen liebe. Vielleicht empfinde ich das auch nur so, weil ich mal ein Etikett gefunden habe, das so wirklich hervorragend gut passt. Wenn ich doch so vielseitig bin und so neugierig, so schnell lerne – und so schnell wieder gelangweilt bin, ist es doch nur logisch, wenn ich schon beim leisesten Anzeichen der Abnutzung aufgebe. Oder mich erst gar nicht festlege… warum für etwas entscheiden, wenn ich eh nach kurzer Zeit schon wieder damit aufhöre?

Dieses Problem besteht besonders im beruflichen Bereich. Bei den drastisch steigenden Zahlen von Burnout und weiteren psychischen Erkrankungen unter Arbeitnehmern ist die Jobwahl existenziell – und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. Doch wie soll ich denn etwas finden, das mich dauerhaft glücklich macht, wenn ich ständig neue Herausforderungen brauche? Dass ich vielleicht auch Dinge lernen muss, hat in dem Konzept nicht wirklich Platz. So scheint es mir. Um seine Schwächen wissen und daran arbeiten, das gehört für mich zum Wachsen, zum Leben, dazu. Und da sehe ich eine große Gefahr. Dass sich darauf ausgeruht wird, nunmal anders zu sein. Wir Menschen funktionieren so, wir sind bequem. Und wenn ich eine Begründung habe, etwas Unangenehmes (und meine Schwächen auszugleichen bringt mich halt aus meiner Komfortzone heraus) zu unterlassen, dann … tja…

Alles in allem bin ich froh, dass ich diese Bezeichnung und alles, was daran hängt gefunden habe. Ich wünsche mir, dass das Thema in der Öffentlichkeit noch viel mehr Anklang findet und es womöglich auch mal von eher wissenschaftlicher Seite aus betracht wird. Ich hoffe, dass es nicht als Ausrede missbraucht wird von Menschen, die sich einfach nicht festlegen wollen. Entscheidungen treffen gehört zum Dasein dazu – und eine getroffene als falsch zu erkennen womöglich auch. Ich bin neugierig, was ich dazu künftig noch finde und erfahre und wie sich dieses Potential der Vielbegabung entfaltet. Für mich bleibe ich beim Generalisten… und bei meiner zähen und schwierigen Arbeit, mir die Eigenschaften anzueignen die mir fehlen.

Lebt bunt … und hört nie auf zu lernen.

Autor: Frau hUhn

Ein Pilger bin ich. Chaos begleitet meine Wanderung.

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