Casa Udel

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Vom Laufen lernen

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Joggen finde ich doof. Das war schon immer so. Dieses sinnlos in der Gegend herum rennen, ohne etwas von der Umgebung mitzubekommen, womöglich noch ohne den Hund draußen unterwegs sein in einem eher albernen Outfit hat mich noch nie wirklich gereizt. Dummerweise ist Joggen aber auch eine recht effektive Möglichkeit, etwas für die Fitness des Herz-Kreislauf-Systems zu tun und zwar auf eine halbwegs kostengünstige Art. Für den Anfang hat ja nun fast jeder – ich zumindest – ein Paar zum Laufen taugliche Schuhe im Schrank und eine Jogginghose und Sweater dürften auch kein Problem sein. Aber Joggen ist doof. Oder etwa doch nicht…?

Vor einiger Zeit wurde mir die App Zombies, Run! empfohlen. Das ist eine Art Hörspiel, das in einer postapokalyptischen Welt voll mit Zombies angesiedelt ist. Einige Überlebende haben sich zu Siedlungen zusammen geschlossen und ihre Läufer versorgen die Menschen dort mit benötigten Waren und führen Aufträge aus. Natürlich gibt es auch Intrigen, Geheimnisse und, als großes Mysterium, die Gründe für die Apokalypse aufzudecken. Zwischen kurzen Sequenzen in denen der Plot entwickelt wird, kann ich Musik von meinen eigenen Playlists (oder einem externen Player) hören. Um das zu nutzen, brauche ich nicht laufen, mit dem Hund gehen, reicht völlig aus.

Nun gibt es aber auch die Option „Zombie Chases“ … dort erscheinen in der Story plötzlich Zombies, denen ich davon laufen muss, in einer Geschwindigkeit, die (einstellbar) ca. 20% über meinem Durchschnitt liegt. Und da hilft es, wenn man rennen kann. Nicht nur, um dieses Spiel zu gewinnen, sondern auch, weil es echt gruselig ist, wenn über Kopfhörer ein mehrstimmiges Stöhnen ertönt. Eine Minute dauert das in der Regel. Und die konnte ich nicht laufen ohne Seitenstechen. Übrigens, wer mehr Infos möchte: Zombies, Run! The Game … ich kann es nur empfehlen. Doch darum geht es gar nicht – ich bin nur so begeistert über das, was dieses Spiel in mir ausgelöst hat.

Inzwischen kann ich nämlich eine Minute am Stück rennen, sogar 5. Dann muss ich zwar kurz verschnaufen, aber ich hätte das noch vor drei Monaten nicht für möglich gehalten. Zu dem eigentlichen Hörspiel gibt es nämlich auch eine App, die einen innerhalb von 8 Wochen auf wirklich sanfte Weise trainiert, mit dem Ziel, 5 km am Stück laufen zu können. Und ich habe heute die fünfte Woche abgeschlossen und ich fühle mich so dermaßen großartig und finde Joggen gar nicht mehr so doof. Pluto übrigens auch nicht, denn der darf mit mir rennen.

Und dann – trotz Kopfhörer und Geschichten – passieren in mir Dinge beim Laufen, die ich nie … never ever! … für möglich gehalten hätte. Plötzlich habe ich Bilder im Kopf von all den Dingen, die hinter mir liegen und es ist, als würden sie mit jedem Schritt, den ich renne, verblassen. Und heute Morgen packte mich eine Erkenntnis, an der ich noch etwas zu „knacken“ habe.

Ich war mal sehr sportlich (also so mit 18) hatte aber auch damals schon keine Ausdauer. Ich habe Sportarten gewählt, die Kraft erforderten oder Beweglichkeit und darin war ich gut. Und das ist natürlich nicht besser geworden über die vielen Jahre, in denen ich mich nicht wesentlich bewegt habe. Natürlich habe ich seit zehn Jahren einen zuverlässigen Motivator, mir wenigstens etwas Bewegung zu verschaffen, aber glaubt mir, der kann sehr bescheiden sein und lässt sich gerne im Auto zu einer Wiese fahren auf der wir dann Bällchen spielen. Doch diese Sache mit der Ausdauer… die hatte ich auch im Leben nicht wirklich.

Meine Probleme habe ich oft durch einen „Kraftakt“ aus der Welt geschafft, habe mich auch manchmal verbogen wie eine Brezel oder – einem Ninja gleich – aus Situationen heraus gewunden. Die wirklich wichtigen Dinge auf meinem Lebensweg habe ich wohl durchgezogen, immerhin habe ich einen Schul- und einen Studienabschluss und auch eine abgeschlossenen Berufsausbildung. Ich habe gekämpft – oft mit mir – und habe Schwierigkeiten beseitigt. Und ich behaupte auch nicht, dass ich nicht manchmal beharrlich sein kann, wenn es mir wichtig ist. Doch die Fähigkeit, meine Kräfte einzuteilen, hauszuhalten und auf ein konkretes Ziel zu zu steuern, die fehlte bislang. Ich bin ein Hauruck-Arbeiter, Deadlines (egal ob es dabei um’s Putzen für Besuch oder um Abgabetermine geht) schaffe ich immer irgendwie, nur nicht mittels Planung und Schritt für Schritt. Ich gucke mir das ewig von weitem an und wenn es schon fast nicht mehr reicht, renne ich los.

Oder ich fange einfach irgendwo an, „learning by doing“ könnte für mich erfunden worden sein. Wenn es dann schief geht, verliere ich auch mal die Puste. Ich kann sehr viele Dinge, tolle Dinge, sinnvolle Dinge und jede Menge nutzloses Zeug – wenig kann ich wirklich gut, aber alles auf einem Level, das in den meisten Fällen ausreicht. So wie laufen. Immerhin kann das jeder (also … Ihr wisst schon). Jetzt aber Laufen LERNEN zu wollen, nicht einfach losrennen und nach einer Woche mit Zerrungen und Mordsmuskelkater aufzugeben, mich an das zu halten, was mir Doc Meiers oder Sam ins Ohr flüstert, macht mich stolz. Ich habe einen Plan – 5 km am Stück – und den strebe ich an, den erreiche ich, dann kann ich auch das Hörspiel beim Rennen hören. Manchmal. Und vielleicht auch nach drei Etagen bei meiner Therapeutin ankommen ohne zu schnaufen.

Natürlich bin ich nicht jeden Tag gleich gut, ich stolpere gelegentlich. Die meisten meiner Strecken führen über Schotter- oder Feldwege. Es gibt einige ordentliche Steigungen und wenn es nass ist, kann es auch mal matschig werden. Also genau so, wie im „echten“ Leben.

Ich lerne, wie ich ein Ziel ins Auge fasse, wie ich den Weg dorthin in Häppchen teile, wie ich meine Kraft und meine Zeit einteile. Ich lerne, wie ich von reiner Power zu sinnvollen Schritten übergehen kann. Die zweite Lebenshälfte liegt vor mir und ich möchte sie bis zur Neige und mit Freude auskosten. Und  ich besonders jetzt am Anfang – überwinde auch Grenzen. Wenn ich nach 40 min Training mit Laufdrills und (immer noch viel) gehen es schaffe, 5 min am Stück zu rennen. Auch wenn die Oberschenkel brennen, ich schnaufe wie eine Dickmadame und der Waldrand einfach nicht näher kommen will. Ich warte auf das erlösende „5 minutes done“ und fühle mich wie Rocky Balboa oben auf der Treppe. Irgendwann schon bald werden es 10 min sein. Ich weiß es.

Jetzt freue ich mich, ein Ziel zu haben. Nicht nur die 5 km. Ich habe auch im Leben ein Ziel. Es ist nur ein paar Schritte entfernt. Doch ich weiß, welche ich dafür gehen muss und – das Wichtigste – ich gehe sie, einfach, nacheinander. Wie beim Rennen. Egal, ob auf der Flucht von Zombies oder auf dem Weg zu innerer Ruhe und einem Leben, das mich glücklich macht.

Chicken … run!

 

Autor: Frau hUhn

Ein Pilger bin ich. Chaos begleitet meine Wanderung.

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